FSD_Jubi_2026

Die Menschen schätzen den Zusammen-­ halt in der Schweiz, befürchten aber, dass er bröckelt. Teilen Sie diese Einschätzung des Volkes? Der Zusammenhalt ist eine grosse Stärke unseres Landes, aber er ist keine Selbstverständlichkeit. Heute erleben wir eine gesellschaftliche Individualisierung, die rasante digitale Transformation und auch eine Verhärtung in politischen Debatten. All das kann dazu beitragen, dass sich Menschen weniger verbunden fühlen. Umso wichtiger ist es, dass wir bewusst daran arbeiten, miteinander im Gespräch zu bleiben und die gemeinsamen Werte hochzuhalten. Was kann jeder Einzelne von uns tun, um den Zusammenhalt zu stärken? Es braucht keine grossen Gesten. Wenn wir einander zuhören, Respekt zeigen, uns im Verein oder in der Gemeinde engagieren und die Vielfalt unseres Landes wertschätzen, leisten wir alle schon einen wertvollen Beitrag für den Zusammenhalt des Landes. Gerade im Alltag sind es oft die kleinen Zeichen der Verbundenheit, die den grössten Unterschied machen. Die Schweiz ist eine Willensnation mit vier Landessprachen und vielfältigen Kulturen. Trotzdem wird unser Zusammenhalt als besonders stark wahrgenommen. Was sind für Sie die Erfolgsfaktoren des «Modells Schweiz»? Zentral sind für mich der Föderalismus, die direkte Demokratie mit einer dazugehörigen Medienvielfalt, die gelebte Mehrsprachigkeit und die Möglichkeit, durch Initiativen und Referenden politisch mitzubestimmen. Diese Elemente geben allen Menschen in unserem Land die Möglichkeit, gehört zu werden und mitzuwirken. Das schafft Vertrauen in die Institutionen – und eben auch diesen besonderen Zusammenhalt. Spüren Sie persönlich den viel zitierten Stadt-LandGraben, wenn Sie in der Schweiz unterwegs sind? Ja, Unterschiede gibt es sehr wohl – etwa bei Fragen rund um Energie, Verkehr oder Landwirtschaft. Aber ich erlebe auch viel gegenseitiges Verständnis. Gerade wenn man mit den Menschen spricht, merkt man, dass die Anliegen oft gar nicht so weit auseinanderliegen. Als Bundesrat sehe ich es als meine Aufgabe, unser Land zu kennen, mit vielen Menschen mich direkt auszutauschen und zuzuhören. 71% sehen die direkte Demokratie als wichtigsten Faktor für den Zusammenhalt – obwohl sie Konflikte sichtbar macht. Ist das nicht paradox? Die direkte Demokratie bringt Differenzen an die Oberfläche, das stimmt. Aber genau das sorgt am Ende dafür, dass Entscheide von den Menschen im Land breit akzeptiert werden – auch wenn man unterliegt. Sie gibt jedem das Gefühl, mitreden zu können, und schafft so Identifikation mit dem Land. Welches Abstimmungsergebnis hat Sie in letzter Zeit besonders überrascht? Überrascht bin ich oft, wenn über politische Grenzen hinweg breite Mehrheiten zustande kommen. Das Junge Menschen engagieren sich wieder stärker für die Politik. 33

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