Stimmt der Eindruck, dass der Zusammenhalt in unserem Land eine andere Bedeutung hat als – sagen wir mal – in Frankreich? Michael Hermann: Absolut. Wir sind keine Nation, die um ein gemeinsames, bestehendes kulturelles Merkmal wie etwa eine Sprache entstanden ist. Sondern ein Zusammenschluss von verschiedenen Kulturregionen. Weil die sprachlichen Mutterländer – namentlich Frankreich und Deutschland – oft in Konflikt miteinander standen, war die Schweiz stets in einer prekären Situation. So entstand das Konzept der Willensnation: Man musste sich zusammenraufen und eine gemeinsame Identität konstruieren. Sie haben den Zusammenhalt untersucht. Zu welchem Schluss kommen Sie? Man muss zwischen äusserem und innerem Zusammenhalt unterscheiden. Ersterer ist nicht gefährdet: Das Land bricht nicht auseinander. Den inneren Zusammenhalt, bei dem es mehr um Gemeinsamkeit, Austausch und die innere Substanz geht, sehen dagegen viele bedroht – politisch, aber auch sozial. Früher wurde der Zusammenhalt vor allem durch grosse Veranstaltungen wie Schützen- oder Schwingfeste gefördert. Wo entsteht er heute? Es ist interessant, dass die direkte Demokratie als zentral für den Zusammenhalt empfunden wird. Die Leute fühlen sich ermächtigt – und das wirkt in Zeiten, in denen sich viele politisch ohnmächtig fühlen, integrationsfördernd. Einen wichtigen Beitrag leisten auch die typisch schweizerischen Freizeitaktivitäten wie das gemeinsame Wandern, Biertrinken oder Grillieren. Man hört immer wieder, dass das gemeinsame Bier auch in der Politik einen hohen Stellenwert hat. Das scheint in anderen Ländern schwer vorstellbar. Das gibt es im Ausland auch, bei uns in der Schweiz wird es aber besonders stark gelebt und zelebriert. Das hängt auch mit unserer Konkordanzregierung, dem Milizprinzip und der Dezentralität zusammen: Man ist aufeinander angewiesen und muss zusammenarbeiten. Dem Ritual des «gemeinsamen Runterkommens» kommt da eine wichtige Bedeutung zu. Vor diesem Hintergrund sollte uns zu denken geben, dass gerade auf dem Land viele Gastronomiebetriebe für immer schliessen. Ein Dorf, das keine Beiz mehr hat, hat auch keine Seele mehr – da geht extrem viel verloren. «Wir sind eine WILLENSNATION» Studienautor, Politologe und Sotomo-Leiter Michael Hermann sagt, warum Zusammenhalt für die Schweiz wichtiger ist als für andere Länder. Ein Dorf ohne Beiz hat keine Seele. 11
RkJQdWJsaXNoZXIy MjYwNzMx